Artikel in Natur-/Tier- und Fotozeitschriften


  GEO 1/1998: Immigranten aus Wildwest
 
natur&kosmos 5/2000: Die heimlichen Untermieter
 
BBC-Wildlife 11/1999: Paws for thought
 
Rodentia 8/2002: Ein Neubürger erobert die Alte Welt
 
GDT Forum 1/2002: Ingo Bartussek: Der mit dem Waschbär tanzt
 
NaturFoto 8/2003: Tierportrait Waschbären
 

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GEO 1/1998                                                                                                                    
Waschbären
Immigranten aus Wildwest

Im Zoo, da blinzeln sie uns zu. Doch draußen bekommt man die scheuen Tiere kaum zu sehen. Dabei haben die nordamerikanischen Einwanderer  in den letzten Jahrzehnten ganz Deutschland besiedelt. Buchstäblich im Handumdrehen. Denn Waschbären greifen sich alles, was sie interessiert.

Von Claus-Peter Lieckfeld, Fotos: Ingo Bartussek und Monika Paulat

   Foto: Monika Pautat

   Foto: Ingo Bartussek

   Fotos:
   Monika Pautat (li,alle),
   Ingo Bartussek (re)

 

 

 

 

   Fotos:
   Monika Pautat (li),
   Ingo Bartussek (re)

 

 

 

 

Die Himbeerlektion saß auf Anhieb. Man mußte Mutter nur auf die Finger schauen und dann wie sie entschlossen einen Zweig packen, ihn vor die Schnauze ziehen und mit der freien Hand die Konsistenz der Früchte prüfen. Ben handhabte die Neuheit auf Anhieb am besten, und während seine vier Geschwister noch probierten, war für ihn schon klar: Die weicheren Beeren, denen beim Befingem eine so aufreizende Süße entströmte  das waren die richtigen. Denn "rot" oder "weniger rot" wären keine waschbärtauglichen Informationen gewesen und hätten also auch nichts über den Reifegrad gesagt. Für Waschbären sind alle Beeren grau. Und das nicht nur bei Nacht.

In der Luft hing, was der Wald ausgeatmet hatte: die Süße des nachtblühenden Geißblatts, der Minzeduft vom Reiherbach, versetzt mit dem Bittergeruch von Adlerfam. Vor allem aber war an manchem Blatt, das man wendete, an manchem Stock, den man betastete, der Geruch von einem Artgenossen zu erschnuppern.

Eine gute, feuchtwarme Waschbärennacht war das, mit weichen Mondschatten, dunkel genug, um darin einzutauchen, hell genug, um die leuchtend weißen Ohrenzeichnungen der anderen zu erkennen. Oder die sirrenden Weidenschwärmer, die noch die vergangene Julihitze ausgebrütet hatte. Ben griff sie sich aus der Luft, was nicht einmal Mutter konnte.

Noch eine andere Lektion hatte diese Nacht parat, aufregender und spannender als die Kinderreigen der ersten Lebenswochen, das Turnier und Wegbeißspiel, das Flüchte und das Aufreitespiel: Mutter warf sich plötzlich und ganz ohne jedes Warnschnirken unter das verfilzte Beerengerank und drückte die Nase in die Laubstreu. Die fünf taten es ihr in einer einzigen Synchronbewegung gleich.

  Fotos:
   Monika Pautat (rechte Seite: re o und u),
   Ingo Bartussek (linke Seite und rechte Seite li o)

 

 

 

 

Es wurde hell und laut, und ein enormer Gestank zog vorbei, auf breiten Gummisohlen und pfützenplatschend: Ein Jeep in Lodengrün, in dem ein Nimrod vor Sonnenaufgang einen Hochsitz ansteuerte. Erst als der Stinker nur noch matt in den Nebelbänken glühte, die sich vom Reiherbach Richtung Schloß verzogen, gab Mutter Entwarnung, und die Waschbärenkinder widmeten sich erneut der sensationellen Süße. Diese Himbeeren waren nach Milch das Beste, das ihnen begegnet war, seit sie vor vier Monaten erstmals die Augen geöffnet hatten.

Mutter klopfte sich die Pfützentropfen aus Jeans und Parka und zog sich eine Himbeerranke aus dem Haar: Franziska Kalz, 25, Waschbärmutter im Auftrag des Göttinger Instituts für Wildbiologie und Jagdkunde, mußte als führende Waschbärin mit allen Wassern gewaschen sein eben auch mit dem Spritzwasser eines hominiden Beutegreifers auf Pirschfahrt.

Und wer wie Franziska Kalz Flaschenkinder zu freiheitstauglichen Nachtwanderern machen will, muß ihnen schon einiges vermitteln. Unter anderem klare Feindbilder. Autos sind, anders als Kühe und Hirsche, böse. Sehr böse sogar! (Genauer: Das Tödlichste noch vor Parasiten, vor denen es keinen Schutz gibt, und weit vor Jagdmunition und Hunden.)

Doch die Biologin hatte in den Monaten vor dem Ausflug nicht nur gelehrt, sondern auch gelernt. Hatte sich Stunde um Stunde in der alten Scheune des Nienover Schlosses im Solling, einer Außenstelle des Göttinger Instituts, niedergehockt und ihre Schützlinge dort beobachtet. Anfangs, in der IntensivpflegePhase, regte sie bauchkraulend die Verdauung der kleinen Waschbären an und überprüfte peinlich genau die Kotkonsistenz.

Je aktiver die Jungbären wurden, desto schwieriger war es für die junge Forscherin, in dem stets sich neu verknäulenden Chaos aus Fell, Schnauzen und Fingern noch die einzelnen Akteure zu erkennen. Sie führte fürjeden der fünf Waschbären Buch darüber, zu welcher Zeit er sich in welcher der vier Hauptspielarten mit welcher Intensität beschäftigte. Den so gewonnenen Datenbrei verfütterte sie an einen Computer und kondensierte schließlich alles zu rund hundert Seiten Diplomarbeit über Procyon lotor, jene aus Nordamerika stammende Kleinbärenspezies.

   Fotos: Ingo Bartussek

Eines der Ergebnisse: 22 Prozent seiner Aktivzeit verbringt ein Waschbär mit Tasten und Fühlen. Da dies oft entlang von Gewässern geschieht, wurde es vielfach als Waschen fehlinterpretiert. "Tastbär" wäre denn auch der bessere Name oder "Aroughoun" ("der mit den Händen kratzt"), ein Wort aus der Sprache der AlgonquinIndianer, das die weißen Invasoren Nordamerikas zu "raccoon" vernuschelt haben.

"Kratzen" trifft die Sache allerdings auch nicht genau. Denn es geht vor allem darum, sich ein Fühlbild von allen Gegenständen zu machen, vorzugsweise den potentiell eßbaren.

Am Zoologischen Institut der Tierärztlichen Hochschule Hannover mußten sich Waschbären Anfang der siebziger Jahre testweise an raffinierten Verschlußapparaten abarbeiten. "Der optische Sinn", resümierte der Versuchsleiter Reinhard Löhmer, "war beim Öffnen der Verschlüsse nicht beteiligt. Die Tiere schauten beim Manipulieren zum Teil desinteressiert' zur Seite. Alle Verhaltensweisen glichen den Bewegungen, die für Waschbären ... bei der Nahrungssuche ... charakteristisch sind."

Wenn ein Waschbär also den Blick wie eine frustrierte Waschfrau übers Wasser schweifen läßt und unter der Oberfläche herumfingert, identifiziert er alles von der Größe einer Köcherfliegenlarve über Wurzeln bis zu Bodenfischchen wie den Mühlkoppen. Und weil ihm unser rundum beweglicher Primatendaumen fehlt, muß der Bär bei seiner Tasterei ein Widerlager schaffen, indem er von Fall zu Fall Gegenstände kurz anhebt und zwischen beiden Händen austestet.

Dieses fingerflinke, intelligent anmutende Begreifenwollen hat sich Ulf Hohmann, 34 Jahre alt, und wissenschaftliche Zentralfigur der Nienover WaschbärGang, zunutze gemacht, als er daranging, die Waschbärfallen zu verfeinern. Seine sind geräumiger als üblich und ausgestattet mit einer geradezu idealen Spielanordnung für notorische Rumfummler: Im hinteren Teil des Fangkäfigs liegt in einem kleinen Kasten der Köder eine Frucht, Hundefutter oder Fischreste. Der Kasten hat oben ein kleines Loch, auf dem eine Steinplatte liegt. Für Waschbären ist es ein leichtes, sie zur Seite zu schieben und in den Kasten zu langen, die hungrige Mäusekonkurrenz indessen ist ausgeschaltet.

Während nun der Bär angelt, stützt er sich locker auf einem schwebenden Balken ab, der die Falltür am Eingang auslöst. Außerdem hängt am Verschlußmechanismus jeder Falle ein Minisender. Dessen Puls registriert ein Empfänger, der im höhergelegenen Schloß positioniert ist: Toktoktoktoktok heißt: Falle ist zugeschnappt, tok... tok... tok... tok: weiter warten!

Es wäre vielleicht "tierethisch" gerade noch zu verantworten, eine abends aufgestellte Falle erst am Morgen zu kontrollieren; ein gefangener Waschbär bringt sich nicht wie ein Marder vor Erregung fast um. Aber die Funktechnik erspart den Gefangenen der Wissenschaft unangenehme Wartezeit, während der sie sich etwa die agilen Finger wundscheuern könnten.

Jede der vier Fallen, die Hohmann in dieser Nacht "fängig gestellt" hat, tickt auf einer eigenen Frequenz im 150MHzBand. Vier kurze nächtliche Peilschwenks mit der Antenne, alle zwei Stunden aus dem geöffneten Schloßfenster, etwas Sondieren auf der FrequenzSkala  und man wirft sich entweder wieder ins Bett oder in den Regenmantel.

Diesmal geht es um Maja. Ein "wenig kooperatives Mädchen", sagt Hohmann, der all die Lieblingsplätze der Waschbärin kennt und die Fallen entsprechend positioniert hat. Er weiß auch, daß sie Hundefutter unwiderstehlich findet.

Maja soll entsendert werden, daß heißt: Der Sender an ihrem Halsband hat seine Schuldigkeit getan, ihre Aufenthaltsorte sind hinlänglich bekannt.

Auch Maja war ein Flaschenkind. Man hatte sich in Nienover Hoffnung gemacht, daß sie vertraute Menschen während ihrer ersten Jungenaufzucht in ihrer Nähe dulden werde. Welch eine Nachtvorführung für die Forschung wäre das gewesen: Eine halbwilde Fähe zeigt ihrem Nachwuchs in der WaschbärAbendschule, wie man Nüsse knackt während ein Wissenschaftler mit der obligaten Bergmannsleuchte am Helm protokolliert.

Aber Maja, das "wenig kooperative Mädchen", führte Franziska Kalz zwar einmal bereitwillig ihre Jungen vor, lehnte dann aber Kontakte strikt ab. Das muß allerdings nicht Waschbärenart sein, das könnte schlicht an Majas Charakter liegen.

Alle, die mit Waschbären forschend oder pflegend zu tun haben, haben erfahren: Es gibt Hektiker unter ihnen und Phlegmatiker, man trifft auf Neugierige und Liebhaber des Status quo, denen jede Änderung lästig oder egal ist. Da gibt es bei Waschbärs Extremkletterer, deren Artistik im Geäst sich zu den Leistungen anderer Waschbären verhält, wie Free Climbing zum HalbschuhBergwandern. Ben, ein mäßiger Kletterer, ist ein begabter Fischer  mit schlafwandlerischer Sicherheit fingert er Mühlkoppen zwischen den Bachkieseln hervor, fixiert sie mit einer Hand und stößt mit der Spitzschnauze zu.

Ulf Hohmann hat die Bären im Südsolling nicht nur beforscht, da war stets mehr als kalte SubjektObjektBeziehung. Und Bär ist eben nicht gleich Bär. "Wie im Traum ist das. Man sitzt bei Vollmond an einem Weizenfeld, trillert den Lockruf, Ben unterbricht seine Ernte, kommt, große Begrüßung, er will Kontakt, interessiert sich aber nicht mal für mein Willkommensgeschenk ... und dann geht er wieder. Ein Wildtier. Kein abhängiger Hund. Keine Schmusekatze. Ein Souverän."

Natürlich haben der handaufgezogene Ben und 27 andere (überwiegend wildgeborene) Individuen eine große Datenmenge produziert. Die hat einiges Bekannte bestätigt: so, daß Waschbären eher tageweise winterschlummern als schlafen, daß sie lockere Gruppentreffs in Steinbrüchen und auf alten, höhlenreichen Eichen abhalten, daß es sogenannte "mutterzentrierte Clans" und freischweifende Rüden gibt, die im Solling ihre rund tausend Hektar großen Streifgebiete nach Möglichkeit so einrichten, daß mehrere Damenkränzchen darin eingemeindet sind.

   Fotos: Ingo Bartussek

Bei den Rüden stieß Hohmann aber auch auf Neues. In vielzitierten, meist amerikanischen Studien stand nachzulesen, daß Rüden, von der Ranzzeit abgesehen, strikt einzelgängerisch seien. Hohmanns Daten dagegen sprechen für das glatte Gegenteil: Weit enger noch als Mutter und heranwachsende Junge binden sich die angeblich so einzelgängerischen Rüden paarweise machen sie die Nacht durch, schlumpern im Gleichschritt durch den Solling, teilen sich die Schlafhöhlen und die besten Plätze zum Mühlkoppenfang. Echte Männerfreundschaften.

Und die sind offenbar keineswegs eine Besonderheit deutscher oder europäischer Waschbären. Denn die Nienover WaschbärWissenschaftler halten Kontakt mit einer Forschergruppe in Missouri, die sich, so scheint es, gerade ebenfalls von der "Lonely wolf"These verabschiedet.

Eine Korrektur provoziert oft weitere. Das neue Bild vom geselligen WaschbärRüden paßt schlecht zu der etablierten Annahme, daß zerfetzte Ohren und Bißnarben nach der Ranzzeit Folgen erbitterter Rivalität seien. "Die Rüden werden mit Sicherheit nicht von männlichen Konkurrenten, sondern von den Weibchen abgewatscht", meint Hohmann, der im übrigen auch das bisher gültige Rollenbild der Waschbärin reiativieren möchte: "Ein altes Weibchen, das wir gut auf Sender hatten, hat genau das getan, was eigentlich Männersache wäre: Zur Ranzzeit hat sie sich aus ihrem abgelegenen Revier über etliche Kilometer dorthin begeben, wo die Paarungsrangeleien gerade am heftigsten liefen, hat sich decken lassen und ist dann die weite Strecke zurückgewandert."

Vielleicht halten sich Waschbären deshalb nicht strikt an Lehrmeinungen, weil sie sie nicht kennen. Vielleicht ist es aber auch etwas anderes, das Generalurteile über "den" Waschbären so fragwürdig macht seine große Plastizität, die Fähigkeit, mit allen oder doch den allermeisten Bedingungen klarzukommen: Kein vergleichbares europäisches Raubtier bedient sich so quer durch den Garten (und den Wald) wie der Waschbär: Alle Früchte, auch Eicheln taugen ihm, junger Mais und sämtliche Getreidesorten greift er sich, jedes nur irgendwie erreichbare Insekt und auch Spinnen schätzt er, Schnecken läßt er nicht liegen, Fische, Lurche und Mäuse findet er lecker, Regenwürmer sind eine Art Grundnahrungsmittel und ja, auch das Vogeleier und junge runden zuweilen den Speiseplan ab.

Ist der Waschbär also doch der Wolf unter den heimischen Singvögeln? Der Schurke, vor dessen langen, biegsamen Greifarmen kein Höhlenbrüter sicher ist? Tatsächlich lernt der Kerl mit der Banditenmaske schnell, wie praktisch leicht zugängliche Nistkästen sind.

Im Grunde genommen legt er jedoch nur seinen Fühlfinger auf die Wunde: die Anfälligkeit der vom Menschen verfälschten, biologisch verarmten Landschaft für die Streifzüge von anpassungsfähigen Generalisten. "Die Gegenprobe haben wir im Nienover Untersuchungsgebiet vor der Nase", erklärt Ulf Hohmann, der Zweifler gern in ein schloßnahes Waldgebiet mit tiefbeasteten Eichen führt, in dem viele Bären und Singvögel dicht an dicht wohnen.

Ein anderes Problem stellt sich bei einer hohen Zahl von Waschbären auf vergleichsweise kleinem Gebiet jedoch wirklich: die Tollwut. Dafür gibt es vor allem aus Nordamerika deutliche Hinweise. Und deshalb dringt Ulf Hohmann, angesichts wachsender Waschbärbestände in Deutschland auf vorbeugende Forschung. Welchen Kontakt gibt es beispielsweise zwischen den potentiell stärker tollwutgefährdeten WaldBären auf der einen Seite und den Haus, Garten und CampingsplatzBären, die mit Hund und Katze den Teller teilen?

Und was ist mit dem Waschbärspulwurm, dessen Gefährlichkeit die VeterinärFakultät der lowa State University immerhin zu einer Warnung veranlaßte: "Waschbären sind Reservoire für Baylisascaris procyonis, der in mindestens zwei Fällen eine für Menschen tödlich verlaufene Hirnhautentzündung bewirkt hat."

Dazu Alexander Gey vom Institut für Parasitologie an der Universität Gießen: "Unsere Untersuchungen über Vorkommen, Verlauf und Bedeutung der BaylisascarisInfektion lassen bereits erkennen, daß der Spulwurm auch in der deutschen Waschbärpopulation weit häufiger auftritt als früher angenommen."

Vergebens sucht Ulf Hohmann bisher nach einem Geldgeber für die Fortsetzung seiner Forschung. Der Waschbär ist zwar nach dem Jagdrecht “jagdbares Wild", aber wenn es sich um nahe menschlicher Siedlungen heimische Tiere handelt, fühlen sich die Jagdbehörden in puncto Forschung nicht zuständig. Vorbeugende Seuchenbekämpfung wäre zwar eine Aufgabe der Gesundheitspolitik, die aber ist schon mit aktuellen Problemen finanziell überfordert. Ergo: kein Erkenntnisinteresse.

Das ist nicht nur aus Gründen des Seuchenschutzes bedauerlich; böte doch eines der lernfähigsten Raubtiere der Welt auch sonst noch manches Wissenswerte. Eine Ahnung davon bekamen die Nienover Zoologen, als sie Ben jenseits der Weser per Funk orteten. Ben zeigte sich auf Zuruf interessiert, trollte sich dann aber doch stromaufwärts. Plötzlich, nach rund 300 Meter Fußmarsch am Ufersaum, warf er sich in den Strom und querte ihn mit kräftigen Rudertritten, den Schwanz nach Waschbärenart lose aufs Wasser gelegt.

Ben hatte die Abdrift durch die Strömung offenbar genau einkalkuliert; jedenfalls erreichte er seine menschlichen Bekannten auf den Meter genau, entstieg dem Wasser und schüttelte sich ein bißchen: Ein Waschbär kann sich waschen, ohne sich den Pelz naßzumachen. Fast. Und die verdutzten Zweibeiner fragten sich: Woher weiß ein Waschbär, mit welcher Abdrift er bei Flußdurchquerungen zu rechnen hat?

Von Ben, dem von Menschen aufgezogenen Waisen, hatte man sich besonders viel Datenertrag erwartet. Aber eines Tages war er fort. Keine Spur von ihm, kein Signal. Ben hatte offenbar das vor, was jeder verantwortungsbewußte Bär anstrebt: seine Gene in einen entfernteren Genpool fließen zu lassen. Angeborene Inzuchtvermeidung, sagt dazu der Wildbiologe.

Hohmann zog mit Auto und Mobilantenne große Kreise um Schloß Nienover. Einen so guten Mitarbeiter läßt man nicht gern verschwinden. Und plötzlich, eigentlich unerwartet, war wieder ein stabiles Echo im Empfänger: Drei stramme Nachtmärsche, gut 30 Kilometer von der alten Heimat entfernt, patrouillierte Ben systematisch ein Bachsystem samt Nebenärmchen ab. Hohmann, der seine wissenschaftlichen Ergebnisse ganz überwiegend an wilden, nur ausnahmsweise an halbzahmen Individuen wie Ben gesammelt hat, sah verblüfft, mit welcher Nonchalance das ExFlaschenkind reiche Wasserernte hielt. Ein ums andere Mal leckte Ben seine Pfoten ab, nachdem er sie offenbar durch Anballungen von Bachflohkrebsen gezogen hatte. Seine unablässigen Tastbefunde förderten außerdem Schnecken, Larven und Kleinfische zutage.

Wenige Wochen später blieb das Signal mit einemmal auffällig lange ortsfest. Die Peilantenne wies den Weg zu einem abseits gelegenen Gehöft, und dort fand sich neben einem Misthaufen in einem Brennesselgestrüpp, was ein Fuchs von Ben übriggelassen hatte.

Ein Jagdpächter hatte Ben, der sich in einer Falle gefangen hatte, aus nächster Nähe mit der Jagdpistole erledigt. Völlig legal. Raubwildregulierung nennt das der Weidmann, der nach eigenem Selbstverständnis die ausgerotteten Spitzenbeutegreifer Wolf und Luchs ersetzen muß. Ben war vermutlich wegen einer Handvoll gammeliger Äpfel gestorben, die ihn zum Misthaufen gelockt hatten.

Die Fotografin und Biologin Monika Paulat, die mit Ben so manche Nacht durchgemacht hatte, schrieb Bens Liquidator: "Wenn Sie nur einen Blick auf das Tier in Ihrer Falle geworfen hätten, dann wäre Ihnen sicherlich der Halsbandsender aufgefallen." Hat er aber nicht. Feindbilder beschaut sich mensch offenbar nie genau, Feindbilder überschminken alles. Ein Tier in all seiner Komplexität schrumpft dann zum Eierräuber! Invasor heimischer Wälder! Störenfried! Campingplatz-Dieb! Da gibt's nur eins: Schuß und Schluß!

ClausPeter Lieckfeld, 49, hat sich in den Achtzigern bei der Zeitschrift "Natur" auf Tiere eingeschrieben. Literarische Tierportraits ("Rinaldo ist ein Esel") erschienen 1996 in Buchform.
Ingo Bartussek, 40, arbeitet als Fotograf und Kunstkeramiker in Uslar, unweit der beschriebenen Waschbärkolonie.
Die Biologiestudentin Monika Paulat 30, zog ein halbes Jahr lang mit der Kamera auf Waschbärpfaden durch den Solling.

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