Artikel in Natur-/Tier- und Fotozeitschriften


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natur & kosmos, 5/2000, S.110-121
Waschbären
Die heimlichen Untermieter

Die Waschbären sind da. Mitten in Deutschland. Bisher hielten sie sich an die Wälder, doch mehr und mehr tauchen sie auch in den Städten auf. Die putzigen Räuber bewegen die Gemüter: Bereichern sie unsere Tierwelt, oder bedrohen sie sie?

Text: Martin Rasper, Fotos: Ingo Bartussek
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Mit Gewohnheiten ist das so eine Sache. "Als typisches Nachttier verlässt der Waschbär seine Höhle selten vor Sonnenuntergang", schreibt das Wildtierfachbuch "Sportsman's Guide to Game Animals". Doch was heißt schon typisch? Bei Frau K. wird pünktlich um fünf gefüttert, auch wenn die Sonne noch am Himmel steht. Aber Frau K. wohnt in Kassel, Germany, und weiß nichts von dem Lehrbuch.
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Ihre Waschbären anscheinend auch nicht. Der erste lugt bereits vom Dachboden herunter, mit einer Mischung aus Vorsicht und Neugier. Kommt dann angeklettert, den Kopf voran, und beäugt, was Frau K. serviert hat. Auf den Hinterbeinen stehend, den Körper vorgebeugt, prüft er mit beiden Pfoten ein Stück Hundefutter und beginnt zu fressen.

Merkwürdig sieht er ja schon aus. Der dicht behaarte, gedrungene Körper steht im Gegensatz zu den fragilen Händen und dem zierlichen, dreieckigen Kopf mit der spitzen Schnauze. Immerzu scheint er zu prüfen, zu tasten, zu erkunden: mit der Nase, den Augen, den Ohren, den Fingern. Und dazu noch diese lustige Gesichtsmaske! Dabei hat die schwarzweiße Zeichnung, ähnlich wie beim Dachs, vor allem einen Sinn: Sie hilft den Tieren, in der Dunkelheit ihre Artgenossen zu erkennen. Wie auch immer, es ist schwer, den Waschbären nicht niedlich zu finden. Sehr schwer.
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"Im Mai 1918 trat ein neuer Freund und Kamerad in mein Leben: eine Persönlichkeit, ein Original, ein ringelschwänziges Wunderwesen." So beginnt das berühmte Buch " Rascal,
der Waschbär" von Sterling North, das von der Freundschaft eines Jungen zu dem Tier erzählt, das er aufzieht und am Ende in die Freiheit entlässt.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass um dieselbe Zeit die ersten Waschbären nach Europa gebracht wurden. Waschbärpelz war schick, und die Pelzhändler wollten ihren Nachschub selber züchten, statt die Felle zu importieren. Doch die Pelzfarmen konnten sich hier nicht durchsetzen. Die Waschbären schon. Ende der zwanziger Jahre entwischten die ersten aus einer Farm in der Eifel, 1934 wurden am nordhessischen Edersee zwei Pärchen sogar offiziell ausgesetzt. 1945 traf eine Fliegerbombe eine Pelzfarm in Strausberg bei Berlin und entließ zwei Dutzend Waschbären in die Freiheit der Mark Brandenburg, die sie dankbar nutzten.

Seither sind sie da. Zunächst nur in den Wäldern, zunehmend auch in der Nähe des Menschen. Auf den Zeltplätzen am Edersee klauen sie Campern schon mal das Steak vom Teller, in Brandenburg wildern sie in Obstplantagen. Von Gießen bis Hannover stöbern sie nachts in Vorgärten, machen Shopping an Mülltonnen und dinieren auf Komposthaufen. Mit einer Geschicklichkeit, die das Kabelknabbern des Steinmarders als dumpfen Zeitvertreib erscheinen lässt, erobern sie Grundstücke und Gebäude. Bevorzugtes Ziel: der Dachstuhl. Über dicht am Haus stehende Bäume gelangen sie hinauf, und die Schindeln sind dann kein Hindernis mehr. "Das hört sich an, als ob auf dem Dachboden ein Kegelclub trainiert", beschrieb der Bürgermeister von Bad Karlshafen an der Weser, Hans-Christian Wehmeier, das nächtliche Treiben. Sein Urteil über die Rabauken: "Niedlich sind die Tiere ja - von weitem!"
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Dabei ist schon der Name ein Missverständnis. Weil der Bär in Gefangenschaft sein Fressen ins Wasser taucht oder sonstwie zu putzen scheint, kam er zu seinem deutschen Namen. Dabei geht es ihm gar nicht ums Waschen: Tastend nimmt der Waschbär die Welt wahr. Zwei Drittel seiner Großhirnrinde sind allein für die Verarbeitung der Tastreize zuständig. Mit Fingern, die so feingliedrig sind wie bei kaum einem anderen Tier außer den Affen, befühlt er das innere eines Mäuselochs oder den Rand eines Baches, unter dessen Wasseroberfläche er Larven, Schnecken und Fischchen aufspürt. So ist das Waschen eine typische Leerlaufhandlung:. der verzweifelte Versuch des an Tastreizen unterversorgten Tieres, die aufregende Nahrungssuche wenigstens ein bisschen zu simulieren.

Da er mit der gleichen Hingabe den Mechanismus einer Kamera oder eines Spielzeugs befingert, Reißverschlüsse und Flügelmuttern öffnet, müsste man ihn eigentlich eher Tastbär nennen. Oder Fummelbär. In seiner nordamerikanischen Heimat gibt es diese Begriffsverwirrung nicht- Dort heißt er raccoon, entstanden aus dem Indianernamen Aroughoun, was so viel heißt wie "der mit den Händen kratzt".

Frau K.s Waschbären haben das Leerlaufproblem jedenfalls nicht. Sie sind ja nicht gefangen, sondern können über eine Luke im Dach beliebig ein und aus gehen. Überhaupt scheint der Waschbär mit der Zivilisation pragmatisch umzugehen. Er nimmt, was er kriegt, bewahrt aber seine Unabhängigkeit. Der Göttinger Wildbiologe Ulf Hohmann, der in Deutschland die erste Studie über das Territorialverhalten des anpassungsfähigen Räubers gemacht hat, ist immer wieder fasziniert von der Souveränität, die der Kleinbär beim Umgang mit dem Menschen an den Tag legt- "Er zeigt dir, dass er dich erkennt, aber er macht immer deutlich, dass er es ist, der den Abstand bestimmt."
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Es spricht alles dafür, dass Frau K‘s Dachstuhl einer jener Treffpunkte ist, die typisch sind für das Sozialverhalten der Waschbären: eine Mischung aus Stammkneipe und Informationsbörse, die die Tiere je nach Laune aufsuchen. Nur eine Clique aus Weibchen hat sich offenbar für eine gewisse Zeit eingenistet und nutzt den Ort, um in Ruhe die Jungen großzuziehen. Denn die Aufzucht ist Frauensache, und nur die Weibchen werden auf Dauer bei der Mutter geduldet, während die jungen Rüden sich bald selbständig machen müssen.

Frau K.s Nachbarn sehen das Treiben mit Argwohn. Abweiser an den Fallrohren der Dachrinnen, Drahtgeflechte an Zäunen und festgezurrte Mülltonnen zeugen davon, dass die Bärchen nicht überall geliebt werden. Kein Wunder. Umstritten war der Neuankömmling von Anfang an. Er habe bei uns keine natürlichen Feinde, warnten viele, er sei ein "Faunenverfälscher", der massiv in das natürliche Gleichgewicht eingreife. "Der Waschbär bedeutet keine Bereicherung unserer Wildbahn und ist wegen seiner Schädlichkeit rücksichtslos zu bejagen", fordert das Jagdlehrbuch "Das deutsche Weidwerk". Allein, der kleine Räuber zeigt sich unbeeindruckt und vermehrt sich weiter. "Waschbären-Invasion rund um Berlin - 4000 sind schon da", schlug der "Berliner Kurier" im vergangenen Jahr Alarm.

Dabei wissen selbst die Jäger, dass der Waschbär gar nicht mehr auszurotten ist. Der nächtliche Stromer, der meilenweit läuft und ganz passabel schwimmt, ausgezeichnet klettert und in der Not auch von einem zehn Meter hohen Baum springt, ist schwer zu kriegen. Der Verhaltensforscher Hohmann konstatiert nüchtern: "Der Waschbär ist zu schlau und sein Sozialsystem zu gut strukturiert, als dass er sich durch das Entfernen einzelner Individuen vertreiben lassen würde."
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Wird der Waschbär also zur Plage unserer Wälder? Ortstermin im Habichtswald, der sich westlich von Kassel an die Stadt schmiegt. Vulkanisches Gestein, steile bis sanfte Hänge, Buchen, Eichen, Hainbuchen. Ein paar Fichtenmonokulturen, überlieferte Waldbau-Sünden, aber ansonsten viel Abwechslung, Unterholz, Totholz. Kein aufgeräumter Park, sondern reich strukturierter Mischwald. Waschbärenwald.

Theodor Arend, Leiter des Forstamtes Kassel, zeigt einen Baum, den er als Schlafplatz der nachtaktiven Bären kennt - eine abgestorbene Eiche, gut 300 oder 400 Jahre alt. Eine Baumruine. Die grobe Borke ist stellenweise schon abgefallen; bei manchen Ästen erwartet man, dass sie jeden Moment runterkrachen. Schräg verlaufende Kratzspuren am Stamm geben einen Hinweis auf die Bewohner. Unter einem großen Ast ist eine "Latrine" zu erkennen; Waschbären koten nämlich immer an bestimmten Stellen.

Arend, ein vollbärtiger Hüne, der unter anderem bei dem österreichischen Wildbiologen Antal Festetics studiert hat, sieht das Waschbärproblem gelassen - und den Fremdling als Bereicherung: "Es geht doch in erster Linie um die Vielfalt." Mögliche Konflikte leugnet er nicht. So könnte zum Beispiel der Abendsegler, eine einheimische Fledermausart, durch den Waschbären Probleme bekommen, weil dieser ihn möglicherweise aus seinen Höhlen verdränge. Und für einige Vögel wie den Waldkauz sei der Waschbär unter Umständen eine Bedrohung, weil er Nester ausräubere und Jungvögel töte. Insgesamt aber, meint Arend, sei er kaum eine Gefahr für die heimische Vogelwelt: "Was mit unseren Zugvögeln in Südeuropa und Afrika geschieht, ist viel schlimmer."

Ulf Hohmann geht noch weiter und sieht den Kleinbären sogar als Anzeichen für einen gesunden Wald: "In Laubmischwäldern mit natürlicher Dynamik fühlt sich der Waschbär wohl, und da ist trotz seiner Gegenwart die Artenvielfalt nicht geringer als anderswo."

Kleinbären sind eine Besonderheit der nordamerikanischen Fauna. So stammte das, was man über das Verhalten von Waschbären wusste, lange Zeit aus den USA. Hiesige Studien beschäftigten sich eher damit, sein Nahrungsspektrum zu erforschen, indem sie den Mageninhalt getöteter Tiere untersuchten. Studien an Tieren, die mit Sendern ausgerüstet sind und etwas über ihr Bewegungsmuster verraten, gab es in Deutschland bis in die neunziger Jahre nicht. Der erste, der es versuchte, war Ulf Hohmann. Im Solling, einem bewaldeten Höhenzug nordwestlich von Göttingen, fing Hohmanns Team 24 Tiere in Kastenfallen, hängte ihnen ein Senderhalsband um und ließ sie wieder frei.

Über drei Jahre verfolgten sie die Tiere, um Fragen zu ihrem Verhalten zu klären. Welche Wege legen sie zurück? Wo halten sie sich tagsüber zum Schlafen auf? Welches Verhältnis haben männliche und weibliche Tiere? Bald kannten die Forscher fast jede alte Eiche im Solling. Sie identifizierten 497 Schlafplätze, berechneten den Kernbereich der Reviere, verfolgten ein- oder auswandernde Männchen. Ein Umstand ließ sie stutzen. Es sah so aus, als würden sich zuweilen mehrere Männchen ein Revier teilen. Häufig wurden sogar zwei Rüden gemeinsam geortet, egal ob tagsüber in der Schlafhöhle oder beim nächtlichen Herumstromern. Das Muster war deutlich, widersprach aber leider der gängigen Lehrmeinung. Die nämlich sah vor, dass Waschbärrüden strikte Einzelgänger sind. Schließlich nahm Hohmann sich ein Herz und schrieb dem Waschbär-"Papst" Erik Fritzell von der University of Missiouri, der im Norden der USA die bis dato umfassendsten Untersuchungen gemacht hatte. Die Antwort war erleichternd- Ja, schrieb Fritzell, bei Studien in Texas erhalte man zur Zeit ähnliche Ergebnisse; offenbar müsse die Lehrmeinung revidiert werden.

Der Eindruck hat sich seither verfestigt. Der Waschbär ist nicht der einsame Wolf, für den man ihn hielt. Die Rüden bilden "stabile Koalitionen": Männerfreundschaften, die oft jahrelang halten.

Was ist der Grund dafür? Waschbären sind polygam. Während die Weibchen in Gruppen zusammenleben, wandern die Männchen umher. Da die Reviere der Weibchen aber oft weit voneinander entfernt liegen, muss das Territorrium der Männchen recht groß sein, um mehrere Weibchengruppen zu umfassen. Ein Wahnsinnsstress-. regelmäßig die Weibchen besuchen, um seinen Anspruch aufrechtzuerhalten, dazu die Grenzen des Gebiets markieren, um es gegen Konkurrenten zu verteidigen. Ein einzelnes Männchen wäre da schnell überfordert. Also sucht es sich einen Partner. Untereinander machen sich die Männerbündnisse aber durchaus Konkurrenz, und es scheint vorzukommen, dass ein Duo einem anderen ein Revier streitig macht. Der Wald hat offenbar eine gewisse Sättigung an Waschbären erreicht. Vielleicht drängen sie deshalb in die Städte?

"Wir wüssten gern genauer", sagt Hohmann, "was eigentlich passiert, wenn der Waschbär verstädtert." Zu vermuten wäre, dass die Reviere deutlich kleiner werden, vielleicht auch, dass sich die Territorialansprüche zunehmend auflösen. Es gibt ja genug zu fressen für alle. In den USA und Kanada findet man in den Städten 50 bis 150 Tiere pro Quadratkilometer. Und bei uns?

In Bad Karlshafen hat die Gesellschaft für Wildökologie und Naturschutz Göttingen gerade ein Projekt beendet, das die Biologiestudentin Stefanie Voigt im Rahmen ihrer Diplomarbeit durchgeführt hat. Mit 30 speziellen Fallen, in denen nur ein Waschbär an den trickreich versteckten Köder herankommt, hat sie monatelang Waschbären gefangen, mit Chips versehen, anhand derer die Tiere identifiziert werden können, und sie wieder freigelassen. Aus dem Verhältnis von Erst- und Wiederfängen ließ sich auf die Zahl der Tiere schließen, die das Gebiet frequentieren.

Ergebnis: Auf 27 Hektar Siedlung tummelten sich 30 Waschbären, also etwa einer pro Hektar - oder 100 pro Quadratkilometer, wie in den USA. Dabei nutzten die Tiere offenbar gar nicht mal die ganze Fläche des Untersuchungsgebietes; ein Anzeichen dafür, dass sie ihre Bedürfnisse auf sehr kleinem Raum befriedigen können. Außerdem zeigte sich, dass die Tiere sich schnell an die Fallen gewöhnten. Ein besonders gewitztes Bärchen erschloss sich die Fallen sogar als Nahrungsquelle: den Köder fressen, die Prodezur des Falle-Öffnens und Registrierens über sich ergehen lassen, wieder freigelassen werden und ab zur nächsten Falle. Da staunt der Forscher.

Nun ist Bad Karlshafen eine Kleinstadt, und die dortigen Waschbären ziehen sich zum Schlafen noch in die Umgebung zurück. Aber schon in einer Stadt von der Größe Kassels könnten sich Populationen herausbilden, die die Stadt gar nicht mehr verlassen. Außerdem stehen die Waschbären wie alle Wildtiere im Verdacht, Krankheiten zu übertragen. Forschungsbedarf besteht also genug.

Und was Frau K. angeht, so ist sie zwar der Meinung, dass ihre Tierchen ohne sie verhungern würden; in Wahrheit ist es aber wohl so, dass sie die Waschbären dringender braucht als umgekehrt. Dafür nimmt sie auch in Kauf, dass die Racker ihr Häuschen längst ruiniert haben. "Was soll's", sagt sie." Irgendwann bin ich tot, und dann wird die Bude hier abgerissen."

Die Bären werden es überleben.

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