Artikel in Natur-/Tier- und Fotozeitschriften


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natur&kosmos 5/2000: Die heimlichen Untermieter
 
BBC-Wildlife 11/1999: Paws for thought
 
Rodentia 8/2002: Ein Neubürger erobert die Alte Welt
 
GDT Forum 1/2002: Ingo Bartussek: Der mit dem Waschbär tanzt
 
NaturFoto 8/2003: Tierportrait Waschbären
 

Link: Tecklenborg-Verlag
Naturfoto 8/2002, S. 30-37
Tierportrait
Waschbären
Die Herausforderung, zahme Tiere zu fotografieren
Von Ingo Bartussek

Auch zahme Tiere können einen Fotografen vor schwierige Aufgaben stellen. Was gemeinhin als leichte Übung gilt, entpuppt sich bei genauerer Beschäftigung mit der Materie als echte Herausforderung. Die Tiere zu finden, ist in diesem Fall zwar nicht das Problem, möchte man aber das vertraute Verhältnis nutzen, um in den Bildern typische Situationen und Verhaltensweisen der tierischen Modelle darzustellen, wird so ein Projekt schon mal zum Fulltime-Job. Ingo Bartussek hat in Zusammenarbeit mit einem Biologen über mehrere Jahre Waschbären fotografiert und beschreibt seine Erfahrungen mit seinen oft eigenwilligen Fotomodellen.

Als ich im Juni 1996 auf die Geschichte mit den Waschbären stieß, konnte ich nicht ahnen, dass ich mich fünf Jahre lang fotografisch kaum mit etwas anderem beschäftigen würde. Ich war gezielt auf der Suche nach einem Projekt gewesen, dass sich möglichst nah an meinem Wohnort Uslar im Solling befinden sollte, um es über eine längere Zeit intensiv, aber “nebenher” verfolgen zu können.

Projekt Waschbär
Irgendwann erfuhr ich, dass sich nur 15 km entfernt, im Jagdschloss Nienover, der Biologe Ulf Hohmann für seine Dissertation bereits vier Jahre lang der Erforschung der nachtaktiven und heimlichen Lebensweise der Waschbären widmete. Als ich ihn anrief, schien er der Zusammenarbeit mit einem Fotografen nicht abgeneigt gegenüber zu stehen und er erzählte mir, dass zwei Tage zuvor ein kleiner, verwaister Waschbär bei ihm abgegeben worden sei. Ulf hatte Erfahrung mit der Handaufzucht von Waschbären, denn eine Forststudentin hatte im Jahr zuvor fünf Waschbären im Rahmen ihrer Diplomarbeit aufgezogen. Nur einer von ihnen war noch vor Ort. Er führte ein freies Waschbärenleben in den umliegenden Wäldern, trug einen Halsbandsender, kam gerne zu Ulf, wenn der ihn nachts geortet hatte, um mit ihm zu spielen und sich eine Leckerei abzuholen – und blieb lieber fern, wenn eine ihm unbekannte Person dabei war. Der Biologe berichtete von spannenden Forschungsergebnissen, die Waschbären – entgegen der einschlägigen, selbst in amerikanischer Literatur, vertretenen Meinung – als soziale Wesen mit erstaunlichen Besonderheiten auswiesen.

Unsichtbare Fotomodelle
Seine Schilderungen davon, wie er zu diesen Erkenntnissen gelangt war, stimmten den Fotografen allerdings nicht gerade euphorisch. Ulf hatte zigtausende von Daten gesammelt, ohne seine Probanden dabei je zu Gesicht zu bekommen, außer wenn sie in der Falle saßen, anschließend betäubt auf dem Labortisch lagen oder in 200m Entfernung nachts um halb drei im Licht der Scheinwerfer seines mit einer Peilantenne ausgerüsteten Autos den Waldweg querten. Erlebnisse der letzten Art konnte er allerdings an einer Hand abzählen. Ulf nahm mich tagsüber mit auf Schlafplatzsuche, erzählte mir auch von der Waschbärin mit Jungen, die er am Sender verfolgte. Aber Waschbären schlafen tagsüber am allerliebsten in den Baumhöhlen der uralten Hudeeichen, die im Solling als Relike der Waldweidewirtschaft von längst vergangenen Lebensformen zeugen. Auch dies war ein eindeutiges Forschungsergebnis, das ohne Peilantenne nicht ans Licht gekommen wäre, denn zu sehen ist von den Tieren tagsüber normalerweise gar nichts. Immerhin fanden wir die Fähe mit Nachwuchs offen in einer Astgabel liegend – in etwa 15m Höhe. Einmal hob sie sogar den Kopf, nachdem Ulf unten an den Stamm geklopft hatte.

Findelkinder
Aber da war ja noch unser kleiner Ben, zu dem sich alsbald Willi und Philipp gesellten. Allesamt Findelkinder, die ihren Interims-Pflegeeltern schnell klar gemacht hatten, dass ein Waschbär nicht zum Haustier taugt. Waschbären entwickeln sich in den ersten zwei Lebensmonaten langsam - eine Anpassung an das Höhlenleben in 10 - 20m Höhe - und sie lassen sich, im Unterschied zu Hundeartigen, relativ lange auf eine Ersatzmutter ein. In einem Alter von etwa neun Wochen machen sie dann aber einen Entwicklungssprung, verlassen mit der Mutter die Geburtshöhle und wechseln fortan ständig das Quartier. Die Kleinen müssen sich unterwegs also immer an der Mutter orientieren, nicht an einem Ort.

Fotograf als Ersatzmutter
Wer die Mutterrolle übernommen hat, dem laufen sie überall hin hinterher. Diese enge Bindung lockert sich schon im Sommer und spätestens ab Oktober machen sie, was sie wollen. Bis dahin öffnet sich für den “Ersatzmutter-Fotografen” ein faszinierendes Fenster.
Allerdings hat man nicht nur niedliche Modelle, sondern auch eine große Verpflichtung am Bein. Die Kleinen müssen natürlich beständig versorgt und beschäftigt werden. So kam es, dass Ulf, Monika Paulat, die wenig später dazu gestoßen war, und ich in wechselnder Besetzung täglich mindestens einmal für mehrere Stunden durch die nahen Wiesentäler, Wälder und Felder streiften – bei Fotolicht wie bei Dauerregen. So mancher Spaziergänger wunderte sich über das seltsame Trällern, das uns dabei hin und wieder entfuhr, während unsere Begleiter zumeist im Bach watend, im hohen Gras oder aber auf den Bäumen gänzlich unsichtbar blieben.

 

Feuchte Nasen auf der Linse
Insbesondere wenn man alleine mit den Bärchen unterwegs war, ergaben sich doch ziemliche Einschränkungen bei der Wahl der Brennweite: Der Einsatz von Teleobjektiven gestaltete sich schwierig, weil es kaum je gelang, sich weiter als einige Meter von den Kleinen zu entfernen. Und wenn ein Waschbär zurückblieb, versuchte er mit Gezeter die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und schleunigst wieder Anschluß zu bekommen. Das Problem bestand daher häufiger darin, Nasenstupser von der Frontlinse zu putzen oder die Ausrüstung vor den Liebesbeweisen matschverschmutzer Vorderpfoten und Markierungsbemühungen durch Analdrüsen zu bewahren.

Selten ideale Fotobedingungen
Natürlich nahmen wir Rücksicht auf die nächtliche Lebensweise unserer Schützlinge. Auch wenn die Jungtiere diesbezüglich sehr flexibel sind, ließen wir sie tagsüber schlafen und gingen nur in den Morgen- und Abendstunden auf Pirsch. Wie sich jeder vorstellen kann, sind die fotografischen Bedingungen im Nieselregen morgens um sechs mit einer Rasselbande tobender Waschbären auch nicht wirklich ideal oder einfach. Ich habe mir bald eine tragbare, sozusagen überdimensionierte Makro-Blitzanlage gebaut: Ein Blitz ca. 60cm von der Kamera oben links, ein zweiter rechts neben der Kamera zum Aufhellen, alles ist an massivem Bandeisen befestigt (anfangs eigentlich nur zum Ausprobieren, wegen des Gewichts; es ist aber bis heute so geblieben). Das funktioniert gut mit dem 2,8/28-70mm Zoom und führt in diesem Brennweitenbereich auch nicht zu den störenden hellen Lichtrefelexionen auf der Netzhaut der Tiere.

Der lange Weg zum guten Bild
Mit relativ langen Belichtungszeiten (selbst beim Einsatz eines um eine Stufe gespushten Kodak Elite Chrome200), um doch den Eindruck der Umgebung einzufangen , aus der Hand, um überhaupt eine Chance zu bekommen, dem Treiben vor mir folgen zu können, mit den Knien im Dreck und/oder Wasser in den Stiefeln, produzierte ich filmeweise vor allem Schrott.
Doch irgendwann sind dann die Treffer dabei, die auch gut genug sind für eine Veröffentlichung in renomierten Magazinen. Soerschien in GEO beispielsweise eine Serie mit den spielenden Waschbären, die sich an einem über den Reiherbach hängenden Erlenast, kopfüber und kopfunter hangelnd, wild raufen.

Zahm ist nicht gleich einfach
Die Bedingungen der Arbeit mit zahmen Tieren unterscheiden sich gründlich von denen mit Wildtieren. Allerdings halte ich sie nicht unbedingt für einfacher, denn mit den Möglichkeiten steigen auch die Ansprüche. Die Chance einen wilden Waschbär bei der Nahrungssuche im Bach mit dem 20mm-Objektiv im Unterwassergehäuse zu erwischen sind relativ gering, zumindest in Deutschland. Bei der Arbeit mit zahmen Tieren kommt man auf solche Ideen und muss dann feststellen, dass es immer noch schwierig genug ist, so etwas umzusetzen. Ich wusste wenig über Waschbären, als ich mit dem Projekt begann und so konnten die Bildideen erst im Laufe der Beobachtung und des Umganges mit den Tieren reifen. Obwohl ich natürlich ständig fotografiert habe, wenn ich mit den Rackern unterwegs war, sind es tatsächlich diese Bilder, die im Kopf entstehen, die im Endeffekt auch kommerziell am erfolgreichsten sind. Manche dieser Bilder brauchten Wochen, Monate, ja sogar Jahre bis sie tatsächlich auf dem Leuchttisch lagen, teils weil sie solange nicht vor meinem inneren Auge erschienen waren, teils weil technische oder andere Voraussetzungen für die Realisation noch geschaffen werden mussten.

Vertrauenssache
Am schönsten ist es dann, in der Bildunterschrift einer Zeitung von einem “seltenen Schnappschuss” zu lesen. Und in der Tat ist das ein tolles Lob! Der Eingeweihte wird allerdings leicht erkennen, dass z.B. Aufnahmen mit extremem Weitwinkel, die zu meinen am häufigsten veröffentlichten zählen, nur möglich sind, wenn entweder mit Fernauslösung gearbeitet wird (auch viel Vorbereitung und Aufwand!) oder wenn, wie in diesem Fall, zwischen dem Tier und dem Fotografen ein absolutes Vertrauensverhältnis besteht.

Bären sind nicht alle gleich
Eine der faszinierendsten Erfahrungen war, die verschiedenartigen Charaktere unserer Kleinen kennen zu lernen. Philipp war ein misstrauischer Eigenbrötler, der schon Anfang September die Zusammenarbeit mit uns aufkündigte, sich nicht mehr blicken ließ und Willi auch noch mit sich zog. Ben dagegen war ein treuer Geselle. Sogar als er sich Ende Februar des nächsten Jahres schließlich auch auf die Wanderschaft begab, kam er immer freudig zu mir, wenn ich ihn wiedergefunden hatte. Nach wenigen Wochen geriet er in die Falle eines Geflügelzüchters und wurde trotz seines Sendehalsbandes erschossen. Auch wenn wir die Fotoarbeiten zu diesem Zeitpunkt soweit vorangetrieben hatten, dass auch GEO mit der Ausbeute zufrieden war, verloren wir nicht nur ein Fotomodell, sondern einen Freund.

Das Projekt zieht Kreise
Verschiedene Aspekte des Waschbärenlebens hatte ich bis dahin noch nicht dokumentieren können. Zudem gab es Anfragen für Filmprojekte und die Idee, zusammen mit Ulf Hohmann ein Buch über Waschbären herauszubringen. So kam es, dass ich auch in den nächsten Jahren Waschbärbabys aufzog. Die meisten von ihnen waren als verwaiste Jungtiere im Stadtgebiet von Kassel aufgefunden worden und suchten eine Ersatzmutter. Bilder vom Markierungsverhalten der Erwachsenen, Ranz, Paarung und Jungenaufzucht gelangen mir schließlich erst, nachdem ich ein 3000qm großes Gehege gebaut hatte, in dem u.a. große Bäume und natürliche Wasserflächen für eine artgerechte Haltung meiner zahmsten Tiere sorgen.

Waschbärausstellung auf Wanderschaft
Ein Glücksfall für die Vermarktung der Bilder ist, dass sich die Waschbären, die in Deutschland erst in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts eingebürgert wurden, zunehmend selbst ins Gespräch bringen, weil sie immer weiter in menschliche Siedlungsgebiete und sogar die Großstädte vordringen. Für Dr. Ulf Hohmann gab das Anlass zu neuen Forschungsprojekten und mir erschien das allgemeine Interesse groß genug, um eine Wanderausstellung zu dem Thema auf den Weg zu bringen. Auf der Webseite www.ingo-bartussek.de gibt es weitere Bilder sowie Infos und Termine zur Ausstellung “Das heimliche Leben der Waschbären”

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