Artikel in Natur-/Tier- und Fotozeitschriften


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Rodentia 8/2002: Ein Neubürger erobert die Alte Welt
 
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naturfoto 8/2003: Tierportrait Waschbären
 

Link: Rodentia
Rodentia, Kleinsäuger-Fachmagazin, 8/2002, S. 18-23

Waschbären
Ein Neubürger erobert die Alte Welt

Von Ingo Bartussek (Text und Fotos)

Fünf Tage nachdem Columbus im Jahr 1492 auf die ersten Inseln vor der Neuen Welt gestoßen war, sah er in einem Dorf indianischer Fischer zwei zahme Tiere wild miteinander umher tollen. In seinen Aufzeichnungen nannte er sie perro mastin. Er wunderte sich über diese “Clown-Hunde”, die niemals bellten. Mitglieder seiner Mannschaft beschrieben das gleiche Tier wenig später als dachsähnlich, was dem Waschbär für die nächsten hundert Jahre den Namen perro tejón: “Dachsartiger Hund” einbringen sollte. Die kanadischen Siedler nannten ihn chat sauvage: “Wilde Katze” und später raton laveur: “Waschende kleine Ratte”. Dies ist bis heute der französische Name. Und – um ehrlich zu sein – der deutsche Name “Waschbär” ist auch nicht viel besser, denn er ist weder ein Wäscher noch ein Bär!

Das bärenähnliche Aussehen, das ihm und der näheren Verwandt- schaft zu ihrem deutschen Namen verhalf, ist für die Tierfamilie der “Kleinbären” (Procyonidae) eher untypisch. Die anderen Mitglieder dieser Raubtierfamilie sind die Katzenfrette (2 Arten), die Maki- bären (5 Arten), die Nasenbären (4 Arten), der Wickelbär und der sehr ähnliche und nah verwandte Krabbenwaschbär. Alle diese Arten sind an die tropische und subtropische Klimazone angepaßt. Einzig dem Waschbären gelang die Anpassung an kältere Lebens- räume, was ihm die Ausbreitung von Mittelamerika bis ins südliche Kanada ermöglichte. Genau diese Anpassung ging einher mit einem Hang zu Fettleibigkeit, einem dicken, plüschigen Fell und einer eher gemütlichen Lebensweise, also typisch “bärigen” Eigenschaften, die ansonsten eben eher in der Raubtierfamilie der “Großbären” (Ursidae) angesiedelt sind.

Die Indianer hatten da schon viel treffendere Namen: weekah tegalega: “Der Magische mit dem gezeichneten Gesicht” (Dakota-Sioux), eespan: “Sie benützen die Hände als Werkzeug” (Lenape), swini: “Sie nehmen Dinge mit den Händen” (Takelma, Cree), wutku: “Sie reiben und kratzen” (Creek). Einen Namen schließlich schnappte 1612 der Entdeckungsreisende Kapitän John Smith beim Häuptling der Algonkin-Indianer Powhatan und seiner Tochter Pocahontas auf: ah-rah-koon-em: “Sie reiben, scheuern, kratzen”. Daraus wurde das heute im englischsprachigen Raum gebräuchliche Wort raccoon.

EIN MISSLUNGENER NAME

Diese Namen weisen auf die ganz besonderen Fähigkeiten der Waschbären hin, ihre Hände zu benutzen. Und ihre Vorderpfoten sind wirklich “Hände”! In ihnen steckt das wichtigste Sinnesorgan und damit die “Geheimwaffe” des Waschbären: der Tastsinn. Mit seinen feingliedrigen und hypersensiblen Fingern hat er das Suchen und Sammeln buchstäblich zur Handwerkskunst erhoben. Mit ihnen durchforscht er die Bodenstreu, Ritzen und Löcher, Schlamm und seichte Gewässer. Keine Eichel, kein Regenwurm, keine Köcherfliegenlarve zwischen den Kieseln, kein Bachflohkrebs bleibt ihnen verborgen. Waschbären sind omnivor, d.h. sie fressen Pflanzliches wie Früchte, Nüsse, Getreide usw. und auch Tierisches wie kleine Wirbeltiere, Insekten, Schnecken, etc. Aber die Nutzung der Flachgewässer und Uferzonen zum Nahrungserwerb ist die Spezialität der Waschbären, hier sind sie in ihrem Element und mit ihrer Technik konkurrenzlos. Diese Bedingungen scheinen ihre taktilen Fähigkeiten ganz besonders geprägt zu haben. So ist es wahrscheinlich zu erklären, dass viele Gefangenschaftstiere Futter und alle möglichen Gegenstände absichtlich ins Wasser werfen, nur um sie anschließend im feuchten Zustand ausgiebig und intensiv zu “befummeln”. Ein unbedarfter menschlicher Beobachter muss diese Tätigkeit fast zwangsläufig als “Waschen” interpretieren und somit wäre die zweite Hälfte der mißlungenen Namengebung des “Wasch”-“Bären” erklärt.

Schon Anfang des 16. Jhds. kamen die ersten Deutschen im Auftrag des Augsburger Bankhauses der Welser nach Venezuela. Sie beobachteten an einem Flußufer ein Pelztier, das an einem Fisch herumkratzte und nannten es “Schupp”. Dieser Begriff bezeichnete nicht nur die Schuppen der Fische selbst, sondern auch den Fischhändler, der die Schuppen von seiner Ware schabte. Dieser Name ist wirklich treffend für den Waschbären. Er ist bis heute besonders in Jägerkreisen bekannt und lieferte die Vorlage für das schwedische Wort sjupp, das dänische skjob und andere. Die besagten Abgesandten Augsburgs schickten auch die ersten Pelze als Handelsware zurück in die Heimat, aber da es sich um die dünne, südamerikanische Qualität eines Krabbenwaschbären handelte, musste der große Boom noch warten, bis die dicken, nordamerikanischen Felle erreichbar waren. Aber dann ging es los! Das Schicksal hunderttausender Waschbären und anderer Pelzträger hing fortan am Tropf der wechselnden Nachfrage des nordamerikanischen und europäischen Modemarktes. Ca. eine Million Waschbärpelze gelangten im 19. Jahrhundert nach Europa – jährlich! Schätzungsweise ein Fünftel das Gesamtbestandes wurde Jahr für Jahr in Fallen gefangen oder geschossen und ganze Landstriche entvölkert. Und wer glaubt, der Rauchwarenhandel spiele keine Rolle mehr, der kann sich zum Beispiel die Zahlen bei www.furharvesters.com ansehen. Da gehen auch noch im Jahr 2002 bei jeder Auktion in North Bay (Ontario, Kanada) gut 80 000 Waschbärfelle über den Tresen! Trotzdem ist der Waschbär auf dem nordamerikanischen Kontinent z.Z. eher auf dem Vormarsch.

Auf diesem Hintergrund ist auch besser zu verstehen, dass es verlockend gewesen sein muss, sich diese lukrative Einnahmequelle direkt vor die Haustüre zu holen. Die Lehre der “Akklimatisatoren” des 19. Jhds. besagte, dass Pflanzen und Tiere möglichst über die ganze Welt verbreitet werden sollten, sofern sie dem Menschen nur irgendwie nützlich sein könnten. Enorme Anstrengungen wurden unternommen, dieses Vorhaben auch in die Realität umzusetzen. Diese Ideen wurden gerade auch in naturwissenschaftlichen Gelehrtenkreisen bis weit ins 20.Jhd. hinein ganz selbstverständlich für gut befunden.

“DIE HEIMISCHE FAUNA BEREICHERN”

In diesem Kontext muss man ein Schreiben sehen, das am 8. Februar 1934 an Wilhelm Freiherr Sittig von Berlepsch, Leiter des Forstamtes Vöhl am Edersee in der Nähe von Kassel gerichtet wurde. Darin berichtete der Geflügelzüchter Rolf Haag von seinen beiden Waschbärpärchen, die er in Gehegen hielt und er schlug vor, sie frei zu lassen “aus Freude, unsere heimische Fauna bereichern zu können”. Als die Aktion schließlich von allerhöchster Stelle genehmigt wurde, waren die Probanden schon längst in die nord- hessischen Wälder entlassen worden und vorerst auf Nimmer- wiedersehen verschwunden. An den Steilhängen des Edertals mit seinen uralten und hohlen Eichen, gelang es den Waschbären in aller Ruhe eine kleine, aber vitale Kernpopulation zu etablieren. 1956 schätzen Forstleute den dortigen Bestand auf 285 Tiere, 1965 sollen es über 20 000 gewesen sein und die besiedelte Fläche erstreckte sich bereits auf gut 30 000 qkm. Andere Freisetzungen von Waschbären kamen hinzu und heute kann niemand den Bestand in Deutschland und den angrenzenden Gebieten auch nur annähernd genau schätzen: sind es 100 000 oder eine Million?

In der Zwischenzeit hatten die Jäger Alarm geschlagen und den Waschbären zum “unerwünschten Raubtier” erklärt. Ziel: Ausrottung. Die Bemühungen schienen in der Tat Früchte zu tragen, denn die Streckenzahlen stiegen beständig an. Heute sind es rund 10 000 Waschbären, die in Deutschland jährlich erlegt werden. In Wirklichkeit dokumentieren die Zahlen aber nur die Vermehrung und Ausbreitung. Von einer Ausrottung des Waschbären in Europa sind wir weiter entfernt denn je und wenn man sich vor Augen hält, welch starke Verfolgung der Waschbär in seiner Heimat einfach “wegsteckt”, kann man die ehernen Bemühungen unserer Hobby-Jäger mit Fug und Recht für aussichtslos erklären.

Im Jahr 1992 ging der Biologe Ulf Hohmann daran, das Leben der Waschbären in unseren Wäldern systematisch zu erforschen. Als wissenschaftlicher Angestellter der forstlichen Fakultät der Uni Göttingen, Institut für Wildbiologie, begann er mit der Hilfe einiger Studenten im Solling, im südlichen Niedersachsen Waschbären in Kastenfallen zu fangen. Sie wurden mit Mini-UKW-Sendern ausgestattet und wieder frei gelassen. Anhand der Peilsignale konnte festgestellt werden, dass sie sich verhielten wie ihre amerikanischen Artgenossen: Sie bevorzugten Höhlen in alten Eichen als Tagesschlafplätze und gingen Nachts gerne in Gewässer- nähe auf Nahrungssuche.

DER SOZIALE WASCHBÄR

Doch das Sozialverhalten gab zunächst Rätsel auf. Einhellig wurde in der Fachliteratur beschrieben, Waschbären seien Einzelgänger. Doch die Waschbären im Solling lebten in sozialen Verbänden, getrennt nach Geschlechtern jeweils in eigenen Cliquen. Am Erstaunlichsten war der Zusammenhalt zwischen männlichen Artgenossen. Im Untersuchungsgebiet hatten sich mehrere “Pärchen” von nicht miteinander verwandten Rüden zusammen getan, hielten nachts so gut wie immer engen Kontakt und verschlummerten den Tag meist gemeinsam im gleichen Versteck. Die Erklärung für dieses Verhalten muss im Zugang zu den paarungswilligen Weibchen zu suchen sein und ist doch keine Besonderheit der europäischen Population, denn etwa zeitgleich wurden auch in den USA entsprechende Forschungsergebnisse erzielt.

So faszinierend die Einblicke in das Verhalten der Waschbären mit Hilfe der Telemetrie auch waren, es ärgerte die Forscher, dass sie die nachtaktiven Tiere so gut wie nie direkt zu Gesicht bekamen. Was fraßen sie eigentlich und wie, waren sie am Boden oder auf einem Baum und wie kamen sie da hinauf? Eine Idee wurde geboren: Eine Studentin sollte kleine Waschbären aufziehen. Diese sollten sich von Kindesbeinen an frei in der Natur bewegen können und sich eines Tages selbständig ernähren. Das Experiment gelang und zur Freude der Forscher ermöglichten nicht nur die Kleinen wertvolle Einblicke z.B. in die verschiedenen Such- und Fang- techniken zum Nahrungserwerb, sondern einige akzeptierten ihre Ziehmutter auch als Erwachsene noch als Begleiterin.

Zu dieser Zeit stieß ich als Fotograf zu dem Team und mit diesen zahmen Tieren und einigen anderen, die wir in den kommenden Jahren aufgezogen und ausgewildert haben, konnte ich die Bilder machen, um das heimliche Leben der Waschbären für Zeitschriften und unser gemeinsames Buch zu dokumentieren. Diese handaufgezogenen Tiere waren Waisenkinder, die fast alle im Stadtgebiet von Kassel aufgefunden worden waren! Die Verstädterung der Waschbären ist ein heißes Thema, dessen Erforschung Dr. Ulf Hohmann mittlerweile mit Unterstützung der Gesellschaft für Wildökologie und Naturschutz (GWN) weiter voran treibt. Erste Ergebnisse zeigen, dass in menschliche Siedlungen zeitweilig zehnfach höhere Populationsdichten erreicht werden als in Waldgebieten. Das führt naturgemäß zu vielerlei Problemen und es wird dafür sorgen, dass mehr und mehr Leuten die Anwesenheit unserer neuen Mitbürger überhaupt erst bekannt werden wird.

Mit kleinen zahmen Waschbären umzugehen ist eine wundervolle Erfahrung, aber ich möchte jeden warnen, der einen Waschbären als Haustier halten möchte. Züchtern, die – meiner Meinung nach – skrupellos Waschbären züchten, um die niedlichen Babys für teures Geld zu verkaufen und den gutgläubigen Kunden erzählen, man könne die Tiere halten wie Hunde oder Katzen, sollte das Handwerk gelegt werden! Nicht nur einmal sind verzweifelte Waschbärenhalter an uns herangetreten, die schon nach wenigen Wochen feststellen mußten, dass es schlicht unmöglich ist, mit diesen ach so süßen Tierchen eine Hausgemeinschaft einzugehen. In den wenigsten Fällen gelingt eine artgerechte Haltung. Geschlechtsreife Tiere – männlich oder weiblich – werden manchmal völlig unerwartet bissig. Und sie wissen ihr Raubtiergebiss einzusetzen! Ich bin überzeugt, dass viele dieser Tiere irgendwann einfach ausgesetzt werden, oder sie schaffen es sich dank ihrer Intelligenz und Kraft selbst zu befreien. Und an kastrierten Tieren, die sich ihr Leben lang in einem zu kleinen Zwinger langweilen müssen, kann auf die Dauer wohl auch niemand Spaß haben.

Literatur:
Hohmann, U. und Bartussek, I. (2001): Der Waschbär. Oertel + Spörer, Reutlingen
Holmgren, V.C. (1990): Raccoons. In Folklore, History & Today’s Backyards.
Capra Press, Santa Barbara

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